Die Wanderausstellung „Verschweigen – Verurteilen“ zeigt die strafrechtliche Verfolgung und gesellschaftliche Diskriminierung von Homosexuellen in Rheinland-Pfalz in der Zeit von 1946 bis 1973. Aktuell ist sie im AWO-Seniorenzentrum Bad Kreuznach zu sehen. Wir dokumentieren die Rede einer queeren geflüchteten Person, die diese anlässlich einer Führung durch die Ausstellung hielt.
Liebe Freunde, liebe Anwesende,
wenn man euch eines Tages fragen würde: „Was ist das schwerste Geheimnis, das ein Mensch mit sich herumtragen kann?“, würde ich ohne Zögern antworten: Es ist nicht ein Verbrechen, das man begangen hat oder ein Fehler, der einem unterlaufen ist. Es ist der Zwang, zu verbergen, wer man ist – nur um zu überleben.
Stellt euch vor, ihr würdet zwei Leben gleichzeitig führen. Ein öffentliches Leben, in dem ihr auf die Bewegungen eurer Hände, euren Tonfall, eure Blicke und jedes einzelne Wort achtet, das über eure Lippen kommt – nur um keinen Verdacht zu erregen. Und ein anderes Leben, das erst beginnt, wenn ihr die Tür zu eurem Schlafzimmer abschließt, im Wissen, dass ihr für ein paar Stunden endlich ihr selbst sein könnt.
Ich habe meine Identität nicht aus Scham verborgen. Ich habe sie verborgen, weil ihre Enthüllung Gefängnis oder den Tod hätte bedeuten können.
In Syrien wird seit 1949 Artikel 520 des Strafgesetzbuches genutzt, um gleichgeschlechtliche Beziehungen zu kriminalisieren und so einen Teil der Identität eines Menschen zu einer Straftat zu machen. Das Gesetz schützt einen dort nicht; es kann gegen einen verwendet werden. Und wenn das Gesetz mit gesellschaftlicher Ablehnung einhergeht – und man zudem als Frau, Christin und Lesbe unter einem extremistischen islamischen Regime lebt, dann wird Angst zu der Luft, die man täglich atmet.
Im Laufe der Jahre hörte die Angst auf, nur ein vorübergehendes Gefühl zu sein; sie wurde zu einer Lebensweise. Selbst als ich Syrien verließ, endete diese Angst nicht an der Grenze.
Auch Tausende von Kilometern entfernt zögerte ich unzählige Male, bevor ich bei einem Beitrag zur Unterstützung der LGBTQ+-Community einfach auf „Gefällt mir“ klickte – aus Angst, der Preis für diesen einfachen Klick könnten Drohungen oder Vergeltungsmaßnahmen gegen meine Familie oder Geschwister in der Heimat sein. Das Exil mag den Wohnort verändern, aber es löscht nicht die Angst aus, die über Jahre hinweg in einem herangewachsen ist.
Asyl aufgrund der sexuellen Orientierung zu suchen, ist keine freie Entscheidung und auch keine Reise auf der Suche nach einem bequemeren Leben. Niemand wacht morgens auf und beschließt, sein Leben entwurzeln zu lassen, Heimat, Familie, Sprache und Erinnerungen zurückzulassen, um in einem fremden Land bei Null anzufangen. Es sei denn, die einzige Alternative ist es, in der eigenen Heimat bei lebendigem Leib begraben zu werden.
Diese Ausstellung trägt den Titel „Verschweigen – verurteilen”. Sie mag zwar von der Vergangenheit handeln, doch für mich beschreibt sie die Gegenwart. Denn auch heute, im 21. Jahrhundert, werden Menschen zum Schweigen oder ins Exil gezwungen – allein aufgrund dessen, wer sie sind.
Ich stehe heute nicht hier, um eine außergewöhnliche Geschichte zu erzählen. Leider ist meine Geschichte keine Ausnahme. Sie ist nach wie vor Realität für Tausende von Menschen, die sich auch heute noch zwischen ihrer Identität und ihrer Heimat entscheiden müssen.
Ich bitte nicht um Mitleid. Ich bitte lediglich darum, uns an eine einfache Wahrheit zu erinnern: In Sicherheit zu leben, zu lieben und so zu existieren, wie man geboren wurde – das ist kein Privileg, das von Staaten oder Gesellschaften gewährt wird. Es ist ein grundlegendes Menschenrecht.
Trotz allem liebe ich mein Land. Und deshalb hoffe ich auf einen Tag, an dem kein Mensch mehr gezwungen sein wird, aus seiner Heimat zu fliehen, sondern dort in Freiheit und Würde leben kann. Einen Tag, an dem sich niemand mehr zwischen seiner Heimat und seinem Leben entscheiden muss.
Danke!
W.
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Dear friends, to everyone with us today,
if someone were to ask you one day: „What is the heaviest secret a person can carry?“ I would answer without hesitation: It is not a crime they committed nor a mistake they made. It is being forced to hide who you are – just to stay alive.
Imagine living two lives at the same time. A public life where you watch the movement of your hands, the tone of your voice, your glances, and every single word that leaves your mouth, just so you don’t raise any suspicion. And another life that only begins when you lock your bedroom door, knowing that for just a few hours, you can finally be yourself.
I did not hide my identity out of shame. I hid it because revealing it could have meant prison or death.
In Syria, since 1949, Article 520 of the Penal Code has been used to criminalize same-sex relationships, turning a part of a person’s identity into a legal offense. The law there does not protect you; it can be used against you. And when the law aligns with societal rejection, and you happen to be a woman, a Christian, and a lesbian under an extremist Islamic regime, fear becomes the very air you breathe every day.
Over the years, fear stopped being a passing emotion; it became a way of life. Even when I left Syria that fear didn’t stop at the border.
Even thousands of kilometres away, I would hesitate a thousand times before simply clicking „like“ on a post supporting the LGBTQ+ community, terrified that the price of that simple click might be threats or retaliation against my family or siblings back home. Exile may change your location, but it does not erase the fear that was raised inside you for years.
Seeking asylum because of sexual orientation is not a choice, nor is it a journey in search of a more comfortable life. No one wakes up in the morning and decides to uproot themselves, to leave behind their home, family, language, and memories to start from absolute zero in a foreign land. Unless the only alternative is being buried alive in their own homeland.
This exhibition is titled „Verschweigen – verurteilen“. It may seem to speak about the past, but to me, it describes the present. Because today, in the 21st century, people are still forced into silence, or into exile, simply because of who they are.
I do not stand before you today to tell an extraordinary story. Sadly, my story is not an exception. It remains the reality for thousands of people who, even today, are forced to choose between their identity and their homeland.
I am not asking for pity. All I ask is that we remember a simple truth: To live safely, to love, and to exist as you were born is not a privilege granted by states or societies. It is a fundamental human right.
Despite everything, I still love my country. And that is why I hope for a day when no person will ever be forced to flee their homeland, but can instead live there with freedom and dignity. A day when no one will ever have to choose between their homeland and their life.
Thank you!
W.
